Zyklus

Drei Zyklen vereint dieses Buch. Sie bieten das Wortschaffen des Künstlers Wolfgang Klähn in einer wesentlichen Auswahl: Von der aufbegehrenden Jugendzeit um 1954 bis hin zur lebensgewissen Versekunst des Jahres 1992.

Obgleich ein jeder der Zyklen in sich selbständig ist und nicht im direkten Bezug zum anderen entstand, können und sollen sie in dieser Buchzusammenstellung wie ein Triptychon verstanden werden. Sie gehören zusammen, ergänzen und erweitern einander, ohne ihre Eigenständigkeit zu verleugnen.

Möglicherweise lassen sie sich auch hören wie ein Musikstück mit drei Sätzen.

Kernsatz

Der Titel des zweiten Zyklus Inhalt als Formgebundenes ist wie der Kernsatz eines Gestaltungs-Programms, das überhaupt für die Kunst Wolfgang Klähns gelten kann: Inhalt wird erst dann, wenn die ihm gemäße Form hinzugefunden, hinzuerfunden wird. Damit stellt sich Klähn übrigens radikal gegen die Abstraktion, das abstrahierende Denken. Doch dies sei nur nebenbei erwähnt und nicht Anlaß für Abgrenzung oder Bewertung. Aber man sollte diese Tatsache nicht außer acht lassen.

Inhaltliches wird erst mit der ihm hinzuerfundenen Form zum Inhalt, zur Aussage, zu Sinn: So läßt sich die wilde Sprache der frühen Schaffensjahre hinnehmen. Klähn geht es um originäres, ursprungsverpflichtetes Sprechen. Die Sprache ist ihm nicht fertiges Kommunikationssystem, sondern zu gestaltende Form, die seinem Inhaltswillen zu entsprechen hat. Oder anders: Die Sprache wird als eine solche erlebt, die stets mit neuer Ausdruckskraft belebt, mit Leben angereichert werden kann. Aus ihrer gedichteten Form kann sie in das alltägliche Sprechen zurückwirken und es - vielleicht - in dem einen oder anderen Fall wieder wahrhaftig werden lassen.

Der Leser hat in diesem Formungsstrom zwar eine Möglichkeit zum Verstehen, aber leicht wird es ihm dabei nicht gemacht. Nahezu alle von Gedichten her geschulte Erwartung birst an diesen Texten. Ein waches Ohr wird abgefordert, eine Bereitschaft zum Neudenken, gelegentlich zum Umdenken. Alle Erwartung an Verständlichkeit wird ersteinmal enttäuscht.

Doch nicht Provokation um ihrer selbst willen, also Provokationsgeste, ist dieses Dichten, kein absichtsvolles Verschrecken des Lesers. Klähn treibt die Sorge um die reine Sprache zum gedichteten Wort. Mit all seiner Sprachkraft will er verhindern, daß Abgelebtes in seine Verse einschleicht. Das erzwingt geradezu immer wieder die entschiedene Eigenwilligkeit der Wort- und Satzbildung. In allen frühen Texten Klähns wird man dies finden; in seinen späteren Versen hat sich die Ungebärdigkeit in Formstrenge verwandelt.

Hat in diesem Bildeprozeß der Leser eine wirkliche Chance? Wird er irgendwann, vielleicht nach manchen Mühen, wissen, wovon der Dichter sagt, wovon das handelt, was er gelesen?

Ich kann eine solche Frage nicht allgemein beantworten. Ich beobachte aber an mir, wie sich langsam ein Verstehen bildet - auch wenn ich weiterlese, ohne jede einzelne Satzwendung gedankenklar mitverfolgt zu haben. Wie bei einem langen, mir unbekannten Musikstück höre ich erst kurze Themen, vielleicht einen Halbsatz, der sich mir einprägt. Bald gesellen sich ihm andere Bruchstücke hinzu, schaffen Verstehensnetze, die Anschluß halten zu anderen Sätzen und Absätzen. Ist nach gewisser Lesezeit meine Aufmerksamkeitsspanne erschöpft, verschwindet das Sinnverstehen zu einem gewissen Teil, zieht sich das Verse-Gebilde zurück, um bei einem nächsten Verstehensanlauf sich mir rascher zu eröffnen.

Biographie

Alle drei Zyklen sprechen auch vom Erleben und Werden des Menschen Wolfgang Klähn. Das "Ich", das immer wieder sich meldet, ist wirklich auch Wolfgang Klähn. Er selbst hat diese Sätze durchlebt, sie nicht nur erklügelt oder gar abschreibend zusammengefaßt. Seine eigene, wahrheitsverpflichtete Erfahrung als die Welt wach Beobachtender führt zu diesen kühnen Sätzen.

Im ersten Zyklus heißt es zum Beispiel:

     "Alles , was mir durch Schauen,
     wird durch mich gelebt erst Sein;" (S. 11)

Das Geschaute erhält Wirklichkeit, Seins-Charakter, durch den Schauenden als einen, der dieses erlebt; der das Geschaute zu seinem Leben macht und in sein Leben tief eintreten läßt. Wer Wolfgang Klähn kennt, der weiß um seine ungeheuer rasche Wahrnehmungsfähigkeit, die mit hoher Genauigkeit sowohl die Einzelheit als auch das Übergeordnete zu erfassen in der Lage ist. Insofern ist dieser oben zitierte Satz wirklich ein Satz zum und vom Menschen Wolfgang Klähn.

Aber dieser Satz ist mehr: Er ist auch Maxime in der Art, daß er wahr spricht über das Wahrnehmen und Erleben selbst. Tatsächlich reicht es nicht, irgend etwas nur festzustellen in seinem Vorhandensein - um es dann ebenso rasch wieder aus dem Blick und dem Gedächtnis zu verlieren. Wenn es wirksam werden soll in meinem Leben, muß es erlebt werden, durch mein Erleben Anteil erhalten an meinem Gemütsleben.

Im dritten Zyklus Sinn und Weg ist der Bezug zum Biographischen noch deutlicher. In diesen Versen spricht Klähn meines Wissens zum ersten Mal in seinen Dichtungen direkt über biographische Erlebnisse. Aber auch in diesen Fällen bleibt es nicht beim engen Lebensbezug: Die Ausweitung des Blicks ist ihm fast schon Natur. Nur bei sich stehenzubleiben, wäre ihm wie Unwahrhaftigkeit.

Sprache

Modern im literaturgeschichtlichen Sinne sind diese Dichtungen allemal. Nicht nur, weil sie sowohl im Kontext der Dichtung von 1954 als auch in der von 1992 eine sehr eigenwillige Stellung einnehmen, die man im besten Sinne mit antizyklisch benennen kann; sondern auch, weil sie selbst als Dichtung das Thema Sprache und Dichtung benennen. Natürlich nicht in philologischer Weise.

"Als Kind spreche ich die Sprache, die einzig aus mir ist." So beginnt ein Absatz (S. 151), der schrittweise die Aneignung eines neuen Sprechens bei ihm, dem Dichter Wolfgang Klähn, vorführt. "Und so tauche ich dann wieder auf, als der Mensch, der vom Bilde und aus dem Worte Gottes lebt." Was er hierin beschreibt, es ist präzise in logischer Hinsicht und dichterisch ungemein beredt.

In Inhalt als Formgebundenes klingt das Sprechen über Sprache noch anders:

     das Sprechen aber
          dient des Weges
               zum Werden hin (S. 99)

oder an anderer Stelle im ersten Zyklus : "So lebt ein Sprechen nur, wenn erschlungen von des Lauschers Ort ..." (S. 14)

Die Sprache dieser Dichtungen ist rätselhaft, weil sie nicht auf das schon Bekannte vertraut. Sie ist eigenwillig im allerbesten Sinne, weil sie sich das Recht des Erschaffens leistet. Sie ist störrisch, wenn von ihr gefordert würde, Rechtschreibung und Kommasetzung einzig nach Duden vorzunehmen; von daher gibt es zahllose Verstöße gegen die guten Schreibsitten. Der Sinn dieser Übertretungen zeigt sich aber leicht: So sind Wolfgang Klähn die Kommata wirkliche Gliederungsmittel. Sie können den Lesefluß verlangsamen (Ritardando), oder ihn, wenn sie nicht gesetzt wurden, dahinfließen lassen (Accelerando). Oder an anderer Stelle: Das mit großem Anfangsbuchstaben geschriebene Wort kann als betonter, gewichtiger erlebt werden, besonders dann, wenn Substantivreihungen geschaffen wurden.

Bei der Herausgabe der Texte haben wir darum genauestens darauf geachtet, daß der Abdruck nach der Urschrift erfolgt. Eine Bearbeitung wurde nicht vorgenommen, ja sogar spätere Korrekturen Klähns im Sinne des Duden wieder rückgängig gemacht. Der Charakter der Dichtungen hat dadurch nur gewonnen, sei es auch auf Kosten sogenannter Richtigkeit. Wenige Stellen, die nicht aufgrund des vorliegenden Manuskripts bzw. der Erstabschrift geklärt werden konnten, wurden mit Wolfgang Klähn abgestimmt.

Dank

In diesem Zusammenhange möchte ich besonders Dr. Thomas Gädeke für die Mitarbeit an diesem Buche danken, denn er war der unermüdliche Vergleicher und Korrekturleser. Darüber hinaus hat er die Abbildungen, die zum Teil weit verstreut bei Sammlern liegen, zusammengesucht und den Dichtungen zugeordnet. Daß Wolfgang Klähn unsere Arbeit von Anfang an tatkräftig unterstützte, sei hier angemerkt, weil es sich bei seiner Hilfe nicht nur um buchtechnische Belange handelt, sondern insbesondere um solche des Sinns.

Ohne die Unterstützung des Freundeskreis zur Förderung der Kunst e.V. aber hätte die Arbeit und die Herausgabe dieses Buches nicht finanziert werden können. Ein solch eigenständiges Dichtungs- und Kunstwerk wie das von Wolfgang Klähn läßt sich nur durch Schenkungsgelder als Buch realisieren. Der Mengenverkauf von Klingt ihm ein Ort oder auch der 1988 erschienenen Augenseele wäre uns nicht unlieb, ist aber unwahrscheinlich. Die Bereitschaft zur Unterstützung durch eine ganze Reihe von Menschen, die sich zu diesem oben genannten Verein zusammengeschlossen haben, hat wesentlich die Möglichkeit geschaffen, dieses Buch erscheinen zu lassen.

Gottfried Benn

In einem Gespräch hat Wolfgang Klähn mitgeteilt, daß für ihn als jungen Menschen die Erzählung Gottfried Benns Die Ptolemäer das beeindruckende sprachliche Erlebnis gewesen seien. Aber ihn habe es wenig gelockt, in die Sprache des Entsetzens mit einzustimmen. Ich nehme mir die Erzählung wieder vor und finde darin Sätze wie diese:

"Die Materie war Strahlung und die Gottheit Schweigen, was dazwischenlag, war Bagatelle." (aus: Gottfried Benn: Gesammelte Werke 5, herausgegeben von Dieter Wellershoff, Wiesbaden 1968, S. 1378) - "Das Leben - hier standen wir an dem Grundbegriff, vor dem alles haltmachte, der Abgrund, in den sich alles in seiner Wertverwahrlosung blindlings hinabwarf, sich beieinander fand und ergriffen schwieg ... Das Leben ... zeigte als den Mittelpunkt seiner Gunst die Fortpflanzung, ..." (S. 1387) "Dort die Welt in ihrem denkerischen Zerfall, und hier das Ich mit seinem geschichtlichen Versagen." (S. 1413)

So nachvollziehbar diese Sätze im Gesamtdenken Benns sind, so unmittelbar sie sich auf das Empfinden der Menschen der Nachkriegsgeneration beziehen und Aussage über Zeittendenzen sind - nicht alles treffen sie in ihrer Charakteristik. Gab es doch gerade in den fünfziger Jahren ganz erstaunliche Ansätze, neu und erfinderisch mit der Sprache umzugehen. Ich möchte hier nicht von "experimenteller Dichtung" reden so, als ob hierbei nur Versuche gemacht worden wären, die durch wirkliche Ergebnisse dann einmal abglöst würden. Dieses andere Sprechen ist ebenso originär und Aussage in und über diese Zeit. Der Mut, wieder etwas zu erfinden, spricht sich darin aus, nicht allein auf Vorgedachtes, wie auch immer gebrochen, zurückzugreifen.

In dieser vorausdenkenden, hinzufügenden Dichtungsströmung steht auch Wolfgang Klähn. Wenn auch seine Dichtungen damals nicht veröffentlicht wurden, sondern er vielmehr sich durch seine Bilder Bekanntheit verschaffte und seit Anfang der fünfziger Jahre davon leben kann, so wurden die Texte als Teil eines dichterischen Gesamtschaffens von ihm erlebt. Die erste große Auswahl mit dem Titel Augenseele zeigte exemplarisch sein Dichten. Unser Band mit den drei Zyklen verdichtet dieses Bild. Zugleich werden die Texte ergänzt durch Zeichnungen, die sämtlich hier zum erstenmal gedruckt werden, viele sind, weil schon früh an Sammler verkauft, noch nie in der Öffentlichkeit zu sehen gewesen. Die Entstehenszeit der Bilder entspricht weitgehend der der Texte.

Klingt ihm ein Ort

Diese Verszeile "... klingt ihm ein Ort" (S. 44) hat mich immer tief berührt. Das Bild, in dem sie ihren Sinn findet, ist scheinbar einfach: Durch das Hinzutreten des Menschen ans Fenster wird der Vogel aufgeschreckt. Er flattert auf: Doch wo wird er nun wieder rasten? Nimmt er den nächsten Ast, der sich ihm bietet? Wie entscheidet er sich zur neuen Rast? Wo wird ihn ein Ort rufen und ihm sagen: Hier sollst du neu und wieder zur Ruhe kommen?

Zugleich aber wird durch die Wahl des Vogels auch der Ort geadelt; "gemarkt" heißt es bei Wolfgang Klähn, also mit einem Merkzeichen versehen.

     So
          schreckt auch ein Schaffen
               zu Orten
     die
          ungemarkt
               des Seins entbehren.

Mit diesem Buch möchten wir ein solches Merkzeichen setzen. Es weist darauf hin, daß es in der Dichtungslandschaft noch "ungemarkte" Stellen gibt, die nicht besetzt waren und, weil eben nicht "gemarkt", auch nicht als besetzbar erlebt worden sind. Doch so ist es eben mit dem künstlerischen Denken: Es findet Plätze, die allen hätten offenstehen können, als erstes und zeigt, daß dort Sprachleben gedeihen kann.

Haben wir selbst in uns noch die Bereitschaft zum Ortewechseln, zum Finden neuer Plätze? Sind wir noch bereit, in der Bewegung zu entscheiden nicht nach der Not des Nächstliegenden, sondern aus der Erfordernis des Umfassenderen? Wir müssen nur die Doppelwertigkeit einer solchen Lebensbewegung annehmen:

     Getrieben
          sind wir alle doch
               ein Geschrecktes.


Bernd Seydel